© Spurensucher - 20. November 2019

Kirche im "Loch des Fleckens"

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Sie ist derzeit nicht zu betreten, aber die Felsenkirche in Idar-Oberstein wirft Rätsel auf … Wenn ich so im Internet surfe, scheint mein Besuch dort mit der unvorhergesehenen Blockade kein Einzelfall gewesen sein. Wegen Steinschlags wurde der extra dafür eingerichtete Tunnel dorthin als einziger Zuweg gesperrt. Und tatsächlich verfügt die Felsenkirche über einen eigenen Webauftritt, der folgendes verlauten lässt: "Die Kirche bleibt bis Ende 2020 geschlossen, da der Felsen umfangreich gesichert werden muss. Nach einem neuen Gutachten müssen für den Einbau der Verankerungen mit einer Länge von fünf bis sechs Metern entsprechende Bohrungen durchgeführt werden. Dabei besteht die Gefahr, dass sich Steine oder Teile der alten Spritzbetonsicherung lösen und herabfallen. Alle Wege rund um die Felsenkirche sind gesperrt, dort besteht sehr hohe Steinschlaggefahr."

 

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Das scheint jedenfalls nicht gelogen zu sein, denn im Oktober waren dort einige "Drahtzeilakrobaten" damit beschäftigt, sich am umliegenden Fels dieser Kirche zu schaffen zu machen. Herabstürzende Felsen sollen bereits zu schwereren Dachschäden der Felsenkirche geführt haben.

 

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Felsenkirche5-Idar-Oberstein-SpurensucherIm mittleren Bereich sieht man weitaus glattere Oberflächen als an den Seitenflanken. Die Erosion dürfte hier einen Großteil geleistet haben, allerdings gibt es auch eine Vorsprünge und Kanten, die wie von menschlicher Hand bearbeitet aussehen. Auf 50-60 Jahre alten Postkarten erkennt man auch noch eine weitaus rauhere Struktur.

 

Man erkennt spontan, dass die Topografie des Standortes dieser Felsenkirche nicht nur deshalb bemerkenswert ist, weil sie so eng an der Felswand anliegt und deshalb Gefahr läuft, von herabstürzenden Felsen getroffen zu werden. Sie ist auch in einer hochstehenden Mulde eingebettet, vor der es nur noch steil bergab geht. Diese Sonderstellung einer Kirche am Fuße des Felsens unterhalb der Burgruine Bosselstein ist zumindest als auffällig "dramatisch" zu bezeichnen. Der Vorgänger-Kirchbau ist offenbar schon einmal dem Steinschlag zum Opfer gefallen und anschließend im 18. Jahrhundert neu errichtet worden. ("vor Zeitender Reformation in einem Fels stehende und bewunderungswürdiger Weise erbaut gewesene Kirche (wurde) den 23. Dezember 1742 durch Einfall des Felsens zerschmettert und zu Grunde gerichtet“).

 

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Die evangelische Kirchengemeinde Oberstein schreibt hierzu:

 

"Selbst wenn man alle “sagenhaften“ Erklärungsversuche für das Entstehen der Felsenkirche außer acht lässt, so bleiben noch genügend Rätsel um ihre Erbauung. In einer 1812 erschienenen Veröffentlichung wird sie als Denkmal des 11. Jahrhunderts bezeichnet, was vielleicht nicht so falsch ist. Im Jahre 1075 wird jedenfalls erstmals ein Herr von (Ober-)Stein erwähnt. Von der alten Burg (Bosselstein) sind dagegen erst mehr als 100 Jahre später erste urkundliche Nachrichten überliefert. Wenn man davon ausgeht, dass die gewaltige Felshöhle unterhalb dieser Burg (ca. 25 m lang, 17 m tief – bei einer mittleren Höhe von 12 m) auf natürliche Weise entstanden ist, so ist es eigentlich gut vorstellbar, dass sich die ersten Herren von Oberstein an dieser Stelle ein festes Haus, eine Art Burg errichteten, wozu nur verhältnismäßig geringe Aufwendungen erforderlich waren. Für die Annahme, dass die Höhlung im Fels auf natürliche Weise entstanden ist, spricht nicht nur die ungewöhnliche Größe (von 5000 m3), sondern auch die Tatsache, dass die dort errichteten Gebäude ziemlich willkürlich und unsystematisch in den Fels gebaut wurden, was sich bei einer exakten Vermessung ergab. Die Schildmauer bis zur Höhe des Kaffgesimses weist nicht nur eine Stärke von 1,90 m auf, sondern auch drei schießschartenähnliche Fensteröffnungen, welche die Vermutung nahe legen, dass sich ursprünglich an dieser Stelle ein Wehrbau befand.

Hinzu kommt noch – auch dies ergab die Vermessung , dass diese Schildmauer mehrfach ganz unregelmäßig abknickt und in dem sechseckigen Turm alle Seitenlängen und Winkel ungleich sind. Beim Bau von Gotteshäusern legte man zu jener Zeit aber sehr großen Wert auf Symmetrie. Da alle Abstände zwischen den Schießschartenfenstern, den Sakristeifenstern, den Säulen im Hauptschiff und den Gurtbögen ungleich sind, vermag man auch schwerlich in der heutigen Felsenkirche eine Huldigung an die Trinität zu erkennen. Es deutet eigentlich alles darauf hin, dass es eben keine Kirche war, die ursprünglich in dieser Höhlung stand. Falls es sich aber um einen Wehrbau handelte, so ist sogar wahrscheinlich, dass dieser auch über eine Kapelle verfügte, welche nicht unbedingt mit der heutigen Sakristei identisch sein muss. Die zur Begründung dieser These angeführte Ungleichheit von Mauerwerk, Sakristei und oberem Teil der Felsenkirche belegt lediglich, dass diese nicht gleichzeitig entstanden sind. Mörteluntersuchungen lassen darauf schließen, dass die heutige Sakristei mit der vorderen Schildmauer zusammen errichtet wurde und somit ursprünglich zur Wehranlage gehörte." (Link, Quelle)

 

Hier der unerwartet tiefe Grundriss der Felsenkirche, der auch die Reste einer Mauer aufweist. Im Hintergrund gibt es eine Quelle, was darauf schließen lassen könnte, dass es sich hier ehemals um eine Kraftort handelte. Ob die alten vorgefundenen Mauern wirklich "Wehrmauern" waren, würde ich unter Umständen anzweifeln. Für mich macht diese Häufung von nacheinander drei gebauten Burgen ein- und derselben Familie wenig Sinn.  (Foto von einer Infosäule in der Innenstadt)

 

Hier geht es zu einer Querschnittdarstellung der Kirche im Felsen von 1984, aus der 500-Jahre - Festschrift. (Quelle, Link)

 

Man ist sich offiziell darüber im Klaren, dass diese Position von einer anderen Form von Bau eingenommen wurde, der aber nicht zwangsläufig auf eine Wehranlage schließen lässt. Die Frage, die sich zunächst stellt, ist diejenige, ob diese Höhle natürlichen oder menschgemachten Ursprungs ist. Zwar heisst es, dass bereits 1075  die "Herren von Stein" erwähnt wurden, die in der Burg im Loch, einer einzigartigen Höhlenburg wohnten. Doch später bauten die gleichen Herren die Burg Bosselstein oberhalb dieses Lochs auf einem nach drei Seiten steil abfallenden Felssporn. Das geschah später, nämlich 1197 … Wie die Situation der Höhle bzw. des "Lochs" vor dem Bau der Höhlenburg jedoch zustande kam, darüber gibt es nur Sagen. Eine lautet:

 

"Um die Mitte des elften Jahrhunderts lebten die Brüder Wyrich und Emich von Oberstein auf der Burg Bosselstein. Beide liebten Bertha von Lichtenburg und, als Wyrich von der Verlobung seines jüngeren Bruders mit eben jener erfuhr, stürzte er Emich aus dem Fenster der Burg. Gezeichnet von seiner schweren Schuld beichtete Wyrich die Tat einem Abt. Als Sühne sollte er mit eigenen Händen eine Kapelle an der Stelle, an der sein Bruder gestorben war, errichten. Als der Bau vollendet war, bat Wyrich Gott um ein Zeichen der Vergebung. Ein Quell entsprang dem Felsen, der heute noch fließt. Bei der Einweihung der Kapelle sank Wyrich am Altar tot vor dem Abt nieder" (Quelle: Wikipedia).

 

Eine historische Zeichnung zeigt die Stadt Oberstein mit Felsenkirche und intakten Burg- und Schlossbauten. Das Gelände ist vollständig ummauert. Um eine typische Kirche handelte es sich wohl damals nicht. Ein solcher Rundturm lässt eigentlich auf etwas anderes schließen.

 

Hier dürften alleine schon zeitlich gesehen ein paar Diskrepanzen vorliegen. Immerhin sei ja die Burg eine Etage höher lt. Aussage der ev. Kirche erst später errichtet worden. Ich denke aber, dass man es hier mit allem nicht so ernst nehmen sollte, zumal ein Großteil solcher Geschichten auch mündlichen Überlieferungen geschuldet sind. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts seien angeblich erste Niederschriften verfasst worden zum Thema mit der Kirche, den Vorbauten und der oberen Burg.

 

Interessant ist einmal mehr, dass hier oberhalb der Felsnische zwei Burgen praktisch nebeneinander existieren, die aus einer permanenten mittelalterlichen Familienfehde zwischen den Brüdern Eberhard und Werner von Stein und deren Nachkommen resultierten. Offenbar konnten die Herrschaften nicht länger unter einem Dach wohnen. Zuerst sollen sie also unten "im Loch" (der Felsnische) residiert haben, dann auf dem Bosselstein und später auseinanderdividiert auch noch zusätzlich im Neuen Schloss? Den Geschichtsschreibern scheint auch ein wenig die Phantasie ausgegangen zu sein, denn die Burg auf dem Bosselstein soll dann später einfach verfallen sein.

 

Lt. 500-Jahres-Festschrift lag der Fußboden der heutigen Felsenkirche  früher "erheblich tiefer", wie sich bei einer Renovierung 1927/29 herausstellte. "Auch eine diagonal durch das Kirchenschiff verlaufende Mauer, welche man damals fand, lässt sich mit dem heutigen Bauwerk nicht in Einklang bringen. Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Tür, die am Fuße desTreppenaufgangs auf verschiedenen alten Darstellungen und wohl noch 1927 in Umrissen im Außenputz zu sehen war. Der mittlere und obere Teil des äußerst unregelmäßigen sechseckigen Turms der Felsenkirche scheint jünger als die mächtige ca. 1,90 m dicke Schildmauer zu sein; die verhältnismäßig geringe Wandstärke deutet darauf hin." (Quelle, Link).

 

Burg oder Kirche? Für alle Historiker steht fest, dass es hier "im Loch" ursprünglich nicht um eine Kirche handelte. Besonders seit den Entdeckungen bei den Renovierungsarbeiten 1927/29 besteht wohl kaum noch ein Zweifel. Interessant und dabei nicht untersucht wurde offiziell: Ob die Felsenhöhle ureinst künstlich geschaffen wurde oder ob es sich wirklich zweifellos um eine Naturkonstellation handelt. Interessant in diesem Zusammenhang ist auch die Quelle im rückwärtigen Bereich der Kirche. Lt. Festschrift heisst es:

 

"In den ersten Jahren der oldenburgischen Zeit hören wir auch 1826 erstmals nähere Einzelheiten über die − gewiss viel ältere −Quelle in der Felsenkirche, in der sich heute nur mehr Sickerwasser sammelt. Sie steht möglicherweiseursächlich in Verbindung mit der natürlichen Höhle im Fels, in die man später die Kirche baute. Die Nachricht lautet:',,In der Kirche befindet sich ein Brunnen, dessen klares Wasser aus dem Felsen hervorkommt. Hinter ihr ist dieFelsenhöhle noch etwas erweitert, sodass man um sie herumgehen und das unten liegende Oberstein übersehen kann“.'

 

Was es mit der Quelle auf sich hat und welche Perspektive sich dem Besucher (der damaligen Zeit) darbot, ist mir nicht bekannt, da ich ja die Quelle nicht in Augenschein nehmen konnte. Ob hier allerdings noch ein nur annähernd ursprünglicher Zustand anzutreffen ist, wage ich ohnehin zu bezweifeln.

 

Vielleicht haben wir es ursprünglich mit einem spirituellen vorchristlichen Ort zu tun, der als besonders kraftvoll galt und dessen sich die Kirch später schlichtweg ermächtigt hat. So wie bei den meisten exponierten anderen Orten ebenfalls … Möglicherweise also nichts Neues. Die Bezeichnung "Loch des Fleckens" stammt wohl aus der Zeit des 15. Jahrhunderts.

 

 

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